Stolon

08/09/2026 - 14/11/2026


Azade Köker
Stolon
8. September bis 14. November 2026
Eröffnung: Samstag, 5. September 2026, 18-20.30 Uhr

Zilberman | Berlin
Goethestr. 82, 10623 Berlin, 2. Etage

Zilberman | Berlin freut sich, die Soloausstellung Stolon von Azade Köker anzukündigen. Köker zählt zu den prägenden Bildhauerinnen ihrer Generation. Sie arbeitet über kulturelle und geografische Räume hinweg, mit Themen, die von historischen und mythologischen Bezügen bis in die unmittelbare Gegenwart reichen. Im Lauf der Jahrzehnte haben sich ihre Werkstoffe gewandelt, von der schweren Terrakotta zum leichten Papier, vom gefüllten Körper zur Körperhülle. Für diese Ausstellung hat die Künstlerin raumgreifende Installationen aus Papier, Draht und Licht geschaffen. Sie kreisen um Fragen, wie Verbindungen wachsen, wohin sie führen und was sich in ihnen weitergibt oder verändert. Solche Wege verzweigen sich im Kleinen wie im Großen, in Ausläufern und Nervenbahnen, in Gedanken und kulturellen Überlieferungen. Sie schlagen in verschiedene Richtungen aus. Semantische Ambivalenzen und Verschiebungen öffnen Kökers Arbeiten für unterschiedliche Lesarten. Materialien, Formen und Bedeutungen bleiben in Bewegung und treten immer wieder in neue Bezüge.

Den Ausstellungstitel Stolon hat Azade Köker der Botanik entlehnt. Ein Stolon ist ein Ausläufer, der nicht in die Tiefe wächst, sondern über den Boden hin, von der Mutterpflanze fort. An seinen Knoten bildet er Wurzeln und einen neuen Trieb. Er versorgt die junge Pflanze, bis sie Wasser und Licht selbst aufnehmen kann, dann stirbt er ab. Auch Röhrenkorallen bilden stolonenartige Bodengeflechte, aus denen neue Polypen austreiben. Pflanzen wie Korallen bleiben an ihren Ort gebunden und setzen sich doch über ihn hinaus fort. Für Köker verbinden sich damit Vorstellungen von Weitergabe, Verzweigung und einem Leben im Verband. In der Ausstellung geht sie der Ambivalenz von Verbindungen nach. Sie geben Halt und halten zugleich fest, im Wort Halten liegt beides. Auch Haltendes ist durchlässig: Ein Netz besteht mehr aus Öffnungen als aus Maschen.

Selbstbestimmung und Geschlecht, Arbeit und gesellschaftliche Verhältnisse, die Verbindung von Mensch und Natur gehören zum Themenspektrum, in dem Köker seit fünf Jahrzehnten arbeitet. In Kökers frühen Terrakotten erscheint die Frauenfigur, ein wiederkehrendes Motiv in Azade Kökers Werk, abstrahiert in Frau mit Schleier (1978) und gesellschaftskritisch in Akkordarbeiterin (1987), wo der fragmentierte Körper einer Arbeiterin mit maschinenartigen Elementen verwächst. Die Skulptur richtet den Blick auf die Bedingungen, unter denen Frauen arbeiteten, die aus der Türkei nach West-Berlin angeworben worden waren. Das Papier, mit dem Köker seit den 1990er Jahren arbeitet, beschreibt sie als Haut, verletzlich und durchlässig. Geknittert und gefaltet trägt es die Spuren seiner Bearbeitung. Der Körper selbst fehlt; geblieben ist eine transparente, leichte Hülle, deren Inneres der Betrachter ergänzt.

Im ersten Ausstellungsraum steht die Installation Schwankende Säulen (2025–2026), ein Wald aus dreizehn hohen Papiersäulen. Das Papier legt sich um sie wie Rinde, senkrechte Falten zeichnen Kanneluren nach. Durchsichtige Fäden halten sie von der Decke her, und bei jedem Luftzug bewegen sie sich. Aus jeder Säule tritt oben ein gedrehter Papierstrang heraus, fällt daran herab und verwebt sich am Boden mit dem Geflecht der anderen. Die Säule ist bei Azade Köker ein doppeltes Bild, Stamm und Figur. Seit Langem beschäftigt sie sich mit der Karyatide, jener weiblichen Figur, die in der Architektur ein Gebälk trägt. Ihre Last erscheint dort als Anmut und Haltung; die Anstrengung des Tragens bleibt unsichtbar. Kökers Säulen tragen kein Dach. Dort, wo das Kapitell die Last aufnähme, weicht der austretende Papierstrang der Last aus, sucht am Boden wie ein Stolon neues Leben zu ermöglichen. Mit diesem Bild tritt neben das Tragen das Versorgen, eine körperliche und soziale Arbeit, die ebenso grundlegend wie häufig unsichtbar ist. Die Last ist nicht verschwunden, sondern hat ihre Gestalt verändert. Aus der tragenden Figur wird eine verbundene: eine Form, deren Halt ebenso aus den Beziehungen zu anderen hervorgeht, wie diese Beziehungen sie binden.

Arbeiten aus Draht und Licht nehmen dieses Geflecht auf. Köker verwendet ein Drahtgeflecht, wie es für Gehege, Zäune und im Gartenbau eingesetzt wird, ein Material, das einfasst und abgrenzt. Sie formt es zu synapsenartigen Verzweigungen, die an die Berührungspunkte zwischen Nervenzellen erinnern. Der Draht gibt der fragilen Form Stabilität und tritt dabei selbst beinahe zurück. Denn Lichtbänder ziehen sich hindurch und leuchten im Dunkeln auf. Was im Körper mikroskopisch klein ist, wird raumgreifend; zugleich erinnert die Struktur an ein Geflecht von Ausläufern, die sich ausbreiten, verzweigen und neue Verbindungen bilden. 

In Im Netz des Ich (2025–2026) hängt eine große Papierkugel in einem Netz aus ineinandergreifenden Papiergliedern. Die Kugel trägt in rot den Schriftzug „ICH“. Das Netz hält sie, und es hält sie fest. Ohne das Netz fiele sie. Die Sprache kennt beide Netze, das Sicherheitsnetz, das auffängt, und das Fangnetz, das nicht mehr loslässt. Das soziale Netz kann beides sein. „Geborgen“ und „gefangen“ liegen hier dicht beinander. Das Video Stagnant Motion (2013) zeigt Füße und Beine einer Frau von hinten, dazu den roten Saum ihres Rocks. Die Schritte tasten nach vorn, dann zurück und zur Seite, ohne sich auf eine Richtung festzulegen. Der Titel nennt beides, den Stillstand und die Bewegung, und die Arbeit lässt offen, welches von beidem gerade geschieht. Es ist kein Verharren, eher ein Vortasten, ein Prüfen des Bodens. Auch ein Stolon bewegt sich so. Er reißt nicht ab, er verschiebt sich.

Azade Kökers kleinformatige Collagen zeigen frontale Figuren aus gemusterten Papieren. Arme und Körper laufen in Äste und Wurzeln aus, Gesichter erscheinen im Geflecht, Fäden sind locker aufgenäht. Titel wie Der Spinnenbaum (2026), Krabbenfrau (2026) und Im Flug mit den Vögeln (2026) verbinden Mensch, Tier und Pflanze bereits sprachlich miteinander. Die Figuren enden nicht an ihrer Kontur, sie setzen sich in anderem fort. Keines dieser Wesen besteht aus sich allein, jedes ist im Werden mit anderem verbunden. Azade Kökers Ausstellung zeigt ein Werk in Bewegung. Jede Form ist gehalten und verbunden, und was hält, ist oft kaum zu sehen. Die Formen enden nicht an ihren Rändern, sondern setzen sich fort, wie die Schritte, die den Boden abtasten, oder der Ausläufer, der weiterwächst.

Azade Köker (*1949, Istanbul) kam nach dem Studium an der Staatlichen Akademie der Schönen Künste in Istanbul in den 1970er Jahren an die Hochschule der Künste nach West-Berlin. Seit den 1980er Jahren war Köker in zahlreichen Ausstellungen vertreten und realisierte Arbeiten im öffentlichen Raum. In Berlin entstand 1983/84 die Brunnenanlage in der Cuvrystraße, 1984 zeigte das Kunstamt Kreuzberg im Bethanien ihre erste große Soloausstellung, 1990 folgte im Georg Kolbe Museum die Ausstellung Plastiken. Erde und Stein. Von 1995 bis 2003 lehrte Köker als Professorin an der Hochschule für Kunst und Design Burg Giebichenstein in Halle, von 2003 bis 2015 am Institut für Architekturbezogene Kunst der Technischen Universität Braunschweig. Ihre Arbeiten befinden sich unter anderem in den Sammlungen des Los Angeles County Museum of Art, des British Museum, des Istanbul Modern, der Berlinischen Galerie, des Deutschen Bundestages und des MMK Museum für Moderne Kunst in Frankfurt am Main. 2026 ist sie an der Manifesta 16 Ruhr beteiligt sowie an der Ausstellung Labouring Bodies im Museum Tinguely in Basel, wo Akkordarbeiterin in Terrakotta zu sehen ist; eine Bronzeausführung zeigt 2026 der Gropius Bau. Azade Köker lebt und arbeitet zwischen Istanbul, Bodrum und Berlin.

Text: Lotte Laub

Anlässlich der Ausstellung erscheint ein Katalog mit einem Essay von Simon O'Sullivan und einer Einleitung von Lotte Laub.

Für weitere Informationen oder Pressematerial wenden Sie sich bitte an: berlin@zilbermangallery.com

Foto: Azade Köker, Schwankende Säulen, 2025–2026 (Detail).


» SIEHE AUCH

Artist Pages
  - Azade Köker