Chemistry and Physics in the Household

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27/04/2023 - 29/07/2023


Am Morgen des 2. Mai 1915 ging die angesehene Chemikerin Clara Immerwahr – die erste Frau in Deutschland, die einen Doktortitel erhielt – in den Garten ihres Hauses in Dahlem und beendete ihr Leben durch einen Schuss in die Brust. Dies geschah einige Tage nach dem ersten „erfolgreichen“ Einsatz der neuesten Erfindung ihres Mannes, einem Giftgasangriff des deutschen Militärs auf belgische Soldaten in Ypern. Nach weiteren zerstörerischen chemischen Versuchen in den folgenden Jahren erhielt Immerwahrs Mann 1918 den Nobelpreis für Chemie und gründete 1922 das deutsche Chemieunternehmen, das bald darauf Zyklon A und B entwickelte.

Eine genaue Betrachtung der verschiedenen Elemente in der Lebensgeschichte von Immerwahr und des Protests durch ihren Selbstmord offenbart ein transnationales Netz von Personen, Ereignissen, Objekten und Realitäten, unerwarteten Kontinuitäten und Verknüpfungen, in dem der Drang nach wissenschaftlichem und technologischem Fortschritt Fragen der Ethik und moralischen Verantwortung beiseite geschoben – oder vielmehr zerschlagen hat. 

Indem die Ausstellung Chemistry and Physics in the Household historische Momente und Zukunftsentwürfe miteinander verbindet, eröffnet sie einen Parcours, der sich zwischen verschiedenen Themenbereichen, Temperaturen und Texturen bewegt und die kollektive und individuelle Verantwortung in einer Gesellschaft hinterfragt, die nach Fortschritt, Innovation und Effizienz strebt.

Die Arbeiten der Ausstellung hinterfragen die jahrhundertealten alchemistischen Versuche, billige Metalle in Gold zu verwandeln, die Suche nach einem ultimativen Heilmittel und die zufällige Kreation von Preußisch Blau im Jahr 1705; Schönheitsgeheimnisse der europäischen Aristokratie im 19. Jahrhundert; die Umwidmung der Entwicklung von Felddünger in eine Waffe zur Ausrottung der Menschen; das Streben der Nazis nach und Darstellungen von einem perfekten menschlichen Körper; den Wettlauf um den Weltraum und die Besiedlung des Mars; Klonen, Automaten und Roboterutopien. Ausgangspunkt dieser Untersuchung ist eine kleine Zeitungsanzeige aus dem Jahr 1901, die einen Vortrag von Clara Immerwahr mit dem Titel „Chemie und Physik im Haushalt“ ankündigt.

The Nursery ist ein rätselhafter Raum, in dem sowohl gebrütet als auch einbalsamiert wird. Er ist gefüllt mit 20 eingewickelten ovalen Gebilden in verschiedenen Formen und Größen, die zwischen 100 und 180 cm hoch sind. Die Elemente – sich öffnende Kokons, alternde Waren oder verwesende Körper – sind durch ein kompliziertes System von Seilen an Holzbalken an der Decke aufgehängt und an Metallringen an den Wänden befestigt. 

Die Installation Olympia (COR.145-PED.510) besteht aus einem großen Operationstisch aus Metall, auf dem ein menschlicher Torso ruht, und einer unteren Platte mit mehreren Reproduktionen von Füßen, Händen, Gesäßen, Brüsten, Augen und Herzen. Dieser Behandlungsplatz, der Teil eines wissenschaftlichen Labors, einer Leichenhalle, eines Krankenhauses, eines Ersatzteillagers oder eines musealen Restaurierungszentrums sein könnte, enthält Teile, die auf zwei Skulpturen von Arno Breker aus dem Jahr 1936 anspielen, „Die Siegerin“ und „Der Zehnkämpfer“, die noch heute an ihrem ursprünglichen Platz in Berlin stehen. In Olympia (CER.810) sind 33 menschliche Gehirne fein säuberlich auf drei Regalen eines Servierwagens angeordnet. 

In Artemis und Apollo sind Teile echter Sets aluminisierter feuerfester Anzüge zu sehen, die vor Wärmestrahlung und hohen Temperaturen schützen und in der chemischen Industrie im Explosionsschutz und der Luft- und Raumfahrt sowie bei Bränden von der Feuerwehr eingesetzt werden. An einem Metalldraht aufgehängt und mit Wäscheklammern befestigt, ist ein Set (Größe L) 500°C und das andere (Größe XL) 1200°C hitzebeständig.

Amalthea 717 ist der sperrige Prototyp eines bionischen Schafs, ein elektromechanisches Geschwisterchen von Dolly, dem ersten Säugetier der Geschichte, das 1996 erfolgreich aus einer erwachsenen Körperzelle geklont wurde. Auf seinen beiden Hinterbeinen stehend, schaut Amalthea 717 aus dem Fenster und beobachtet die Welt draußen. Der Roboterkörper ist mit echtem Merino-Schafsfell bedeckt.

Die Ausstellung stellt Elemente eines unendlichen Netzes verwobener Verbindungen nebeneinander und präsentiert verschiedene filmische Momente, eingefrorene Punkte in der Zeit, deren Anfang und Ende ungewiss sind und nur den Blick auf ein Geschehen erlauben, das noch in Bewegung ist. Die Werke bieten eine nicht-hierarchische und nicht-chronologische Lesart von Vergangenheit und Zukunft, Realität und Imagination und schaffen eine immersive Fabrik des menschlichen Körpers, ein häusliches Laboratorium mechanischer Einheiten und lebendiger Gewebe.

Sunday, 16 July:
17h Artist Talk w/ Itamar Gov & Övül Durmuşoğlu


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  - Itamar Gov

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