Pressemitteilung - Sûr

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17/02/2023 - 15/04/2023


Zilberman | Berlin freut sich, die Soloausstellung Sûr von Fatoş İrwen anzukündigen.

Für ihre Ausstellung Sûr hat Fatoş İrwen die Erde ihres Heimatortes Diyarbakır als Thema gewählt. Mit diesem Land, der Erde von Diyarbakır, der größten mehrheitlich kurdisch bewohnten Stadt in Südostanatolien, sind die Erinnerungen an die jüngere Vergangenheit mit ihren politischen Ereignissen, ihren Bewohnern, ihrem Glauben verbunden, aber auch an weit zurückreichende Zivilisationen Mesopotamiens. Nach islamischer Tradition bezeichnet Sûr das Instrument, die Trompete, die der Engel Israfil blasen wird, um den Tag des Jüngsten Gerichts anzukündigen. Sûr hat mit dem Tod und dem Leben gleichermaßen zu tun, bereit für das Ende und die Auferstehung über Zeiten hinweg. Sûr wird auch ein alter Stadtteil von Diyarbakır genannt, der Name bezieht sich auf die Befestigungsmauer der Altstadt.

Fatoş İrwen hat im Vorfeld der Ausstellung die Felder und Friedhöfe, die üppigen Gärten und kargen Landstriche, die Berghänge dieser Region besucht. Sie hat dort Zeit verbracht, hat die Erde berührt. Dies ist die Erde, auf der die Menschen in Diyarbakır seit jeher lebten, die sie bewirtschafteten, in der sie begraben wurden. In der Ausstellung Sûr nähert sich die Künstlerin der Erde und den mit ihr verbundenen Sinneseindrücken an: dem Geruch, den Farben, den Stimmen und Schatten, dem Gesang der Vögel. 

In ihrer für die Ausstellung geschaffenen Installation Harvest of Time (2023) hat die Künstlerin einen Raum mit Erde gefüllt und einen Garten mit Baumwolle angelegt, wie sie für die Region charakteristisch ist, doch sind die Baumwollkapseln nicht mit Baumwolle, sondern mit Haaren gefüllt. İrwen pflanzt „menschliches Land“, das es zu ernten gilt. Mit Harvest of Time nimmt die Künstlerin Bezug auf die Hevsel-Gärten, die zwischen der Festung von Diyarbakır und dem Tigris liegen. Ihnen wurden zahlreiche Gedichte gewidmet, und doch ist das weite und fruchtbare Land zugleich auch Austragungsort erfahrener Gewalt.

İrwens Werk ist mit ihrer persönlichen Geschichte verbunden, sie spinnt ein Narrativ gegen männliche Hegemonie, gegen Feudalismus und Traditionalismus. Die Künstlerin wurde 2017 in Diyarbakır aufgrund der Aussage eines geheimen Zeugen und ohne jegliche Beweise zu einer Gefängnisstrafe verurteilt und verbrachte drei Jahre im Gefängnis. Während dieser Zeit schuf sie unter massiven Einschränkungen und schwierigen Bedingungen viele Werke, darunter Tuschezeichnungen, die nun in der Ausstellung Sûr zu sehen sind.

Auf einer Fotografie ist eine Frau zu sehen, die, so Fatoş İrwen, in einen Brunnen spricht. Das Wasser spiegelt ihren Körper und damit auch die politischen, männlichen und gewalttätigen Systeme wider, denen sie ausgesetzt war. Der Brunnen ist ein Ort, an dem sie Geheimnisse erzählen kann, an dem sie sicher ist. In der Ausstellung sind außerdem 40 Leinwände zu sehen, die aus einer Mischung aus Erde, Haaren und Pflanzen bestehen, die die Künstlerin in den Hevsel-Gärten und auf dem Mardinkapı-Friedhof gesammelt hat. Die Zahl 40 bezieht sich auch auf den Kırklar Dağı, den Berg der Vierziger in derselben Gegend, um den sich zahlreiche Legenden ranken.

Fatoş İrwen gräbt in der Erde, sie gräbt Geschichte aus, Legenden und Mythen, wie sie mit der Vorstellung von der Mutter Erde konnotiert sind. Wenn es möglich wäre, würde die Künstlerin alle sieben Schichten der Erde freilegen, um ein Bewusstsein und Verständnis für ihr Land zu wecken.

Fatoş İrwen ist im historischen Viertel Sûr in Diyarbakır, Türkei, geboren und aufgewachsen. Sie studierte Bildende Kunst an der Dicle-Universität in Diyarbakır und unterrichtete an Sekundarschulen in Batman, Diyarbakır und Istanbul. Ihre Einzelausstellung Exceptional Times (Kuratoren: Ezgi Bakçay and Wenda Koyuncu) fand 2021 zeitgleich in Karşı Sanat und DEPO Istanbul statt. Zu ihren ausgewählten Gruppenausstellungen zählen: Of Paper (Kuratorin: Selin Akın, Ferda Art Platform, Istanbul, 2021); Art in Dark Times (organisiert von bi'bak, Haus der Statistik, Berlin, Deutschland, 2020); Heritage / Matrimonio (Kuratorin: Gudrun Wallenböck, Galerie Enrique Guerrero, Mexiko-Stadt, Mexiko, 2019); Not What You Think! (Hinterland Galerie, Wien, Österreich, 2018); Post-Peace (Kuratorin: Katia Krupennikova, Württembergischer Kunstverein, Stuttgart, Deutschland, 2017). Fatoş İrwen wen lebt und arbeitet in Istanbul und Diyarbakır.

Zur Ausstellung Sûr erscheint ein Katalog mit Beiträgen von Zeynep Sayın, Birte Fritsch und Lotte Laub. 



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  - Fatoş İrwen