Vorbei mit der Übeltäterei

20/02/2026 - 03/05/2026


İz Öztat
Vorbei mit der Übeltäterei
20. Februar–03. Mai 2026

Eröffnung: 19. Februar 2026
Zilberman | Berlin: Goethestr. 82, 10623 Berlin, 2. Etage

Zilberman | Berlin freut sich, die Soloausstellung Vorbei mit der Übeltäterei von İz Öztat anzukündigen.

Mit dem Ausstellungstitel Vorbei mit der Übeltäterei zitiert İz Öztat den Schlusssatz von Wilhelm Buschs Bildergeschichte Max und Moritz aus dem Jahr 1865. In der Ausstellung begegnen wir zudem einer Skulptur gleichen Titels, die Max und Moritz nebeneinanderliegend zeigt, wie in ein Leichentuch aus Filz gehüllt. Die Arbeit nimmt Bezug auf den vorletzten Streich, in dem die beiden frechen Buben im Teig des Bäckers landen und in den Ofen geschoben werden – ein Moment, der das bittere Ende bereits vorwegnimmt. Im letzten Streich schließlich werden Max und Moritz in einer Mühle zermahlen und den Enten verfüttert: „Nun ist’s vorbei mit der Übeltäterei.“ Die Strafe ist vollzogen, die Ordnung wiederhergestellt: „Als man dies im Dorf erfuhr, war von Trauer keine Spur.“ Wilhelm Busch hatte Max und Moritz ursprünglich nicht als Kindergeschichte angelegt, sondern als satirische Zuspitzung, welche die Kälte und Härte einer autoritären Gesellschaft ebenso offenlegte wie die bürgerliche Doppelmoral im Umgang mit Ungehorsam und Bestrafung. An diese harsche Gesellschaftskritik knüpft İz Öztat an.

In ihrer Ausstellung greift Öztat die in Max und Moritz angelegte Ambivalenz auf und bezieht zwei weitere deutschsprachige Erzählstoffe ein, das Kasperletheater sowie den Fauststoff mit seinem Motiv des Pakts mit dem Teufel. Auch hier erweisen sich die scheinbar eindeutigen Lehren als brüchig, da sie davon abhängen, wen wir als Täter oder als Opfer wahrnehmen und mit welchen Figuren wir uns identifizieren. Anstatt die in diesen Geschichten angelegte Gewalt moralisch aufzulösen, arbeitet Öztat mit den überlieferten Erzählstoffen und Motiven, um nachzuzeichnen, wie sie im kollektiven Gedächtnis fortgeschrieben, ideologisch vereinnahmt und bis in die Gegenwart hinein Normen und Verhaltensweisen prägen. Dabei stellt Öztat Fragen nach künstlerischer Handlungsfähigkeit und Komplizenschaft, nach Gehorsam und Ungehorsam sowie nach Mechanismen der Dämonisierung und Bestrafung.

Das bürgerliche Setting der Galerie dient İz Öztat als gefundener Ausgangspunkt: Parkett, Stuck und der braune Kachelofen des Berliner Altbaus. Der Kachelofen ist dabei zugleich funktionales Objekt und Träger einer dekorativen Oberfläche. In einer ortsspezifischen Werkgruppe setzt sich die Künstlerin mit dieser Oberfläche auseinander, indem sie eine der Kacheln abformt und in zahlreichen Variationen weiter bearbeitet. Dabei lässt sie Gussnähte sichtbar, die im handwerklichen Prozess üblicherweise verschliffen werden, und unterläuft so den Anspruch einer glatten, makellosen Fassade. Der Teufel steckt im Detail: in den sichtbaren Gussnähten, in einem Paar hervorstoßender Teufelshörner, in jenen kleinen Öffnungen, die sich in manchen Kacheln auftun und wie die benachbarte Aquarellserie Surrender fragmentarische Blicke auf gefesselte Körper und verletzte Haut freigeben. Im Wechselspiel von Begehren, Schmerz und Kontrolle bringen sie ein voyeuristisches Sehen mit sich, eingehegt und genährt von bürgerlicher Ordnung und einem streng regulierten moralischen Rahmen.

İz Öztat wendet sich dem Kasperletheater zu, einer Spielform, die historisch von politischen Vereinnahmungen geprägt und als pädagogisches und ideologisches Medium eingesetzt wurde. Zwei Figuren beschäftigen sie dabei besonders: der Teufel und der Tod. Während beide Figuren den Vorgaben des 1937 gegründeten Reichsinstituts für Puppenspiel unterlagen, war es die Figur des Todes, die aus dem Ensemble verschwand und nicht zurückkehrte. Diese Leerstelle deutet Öztat als Symptom einer Verdrängung, die gerade in historischen Situationen einsetzt, in denen staatlich ausgeübte Gewalt in Schweigen gehüllt und Trauer untersagt wird. In Return of the Death Puppet, einer Serie von Malerein, ruft sie die Figur des Todes wieder auf. In verschiedenen Arbeiten der Ausstellung, darunter die Skulptur The Demons and The Demonized sowie die Aquarellserie Studies on Evil, setzt sich Öztat zudem mit rassifizierten Darstellungen des Teufels in den von ihr gesammelten Handpuppen auseinander.

Die Frage nach Verdrängung und Wiederkehr setzt sich in der Videoinstallation Rest fort. Rotes Tape markiert im Video wie im Ausstellungsraum Grenzen, Zonen und Übergänge und verweist auf das Abstecken von Territorien, auf Ein- und Ausschlüsse sowie auf die Regulierung von Bewegung und Handlungsspielräumen. Mit reduzierten, zugleich gewichtigen künstlerischen Mitteln erprobt die Arbeit eine Allegorie der Staatsbildung und Machtausübung: das Ziehen künstlicher Linien, die von oben verordnete Durchsetzung von Autorität und Unterwerfung, aber auch Widerstand, Mobilisierung und die Forderung nach Gerechtigkeit. Gemeinsam mit den Performer:innen Selim Cizdan, Yeşim Coşkun, Gökçe „CheChe“ Gürçay, Leyla Postalcıoğlu, Ra, Mihran Tomasyan und Aslıhan Tuna arbeitet Öztat in einer bewusst gesetzten Black Box – einem geschützten Innenraum, in den sie ihre Arbeit verlagert, wenn der öffentliche Raum zunehmend eingeschränkt oder repressiv reguliert ist.

Das bürgerliche Setting der Ausstellung führt in ein Studierzimmer. Ein alter Sekretär evoziert einen Ort der Wissensproduktion und der Verführung, an dem Macht, Begehren und Erkenntnis ineinandergreifen. Das Triptychon Studies for Faustian Bargain bezieht sich auf historische Stiche und Holzschnitte zum Fauststoff, insbesondere auf Illustrationen zu Goethes Faust. Die Bildfelder zeigen den Gelehrten in der Studierstube ebenso wie Mephisto, Teufelsfiguren und weitere allegorische Motive. In die Szenen greifen unterschiedliche Hände ein – zeigend, verführend, dirigierend –, wie in einem Marionettenspiel, das Fausts Handeln als gelenkt und abhängig erscheinen lässt. Faust bewegt sich zwischen Wissensdrang, Verführbarkeit und Komplizenschaft. Charakteristisch für eine Bildsprache, wie sie İz Öztat über die Jahre entwickelt hat, treten auch hier rote geometrische Formen auf. Sie setzen Blickachsen, lassen politische Assoziationen zu und rahmen Faust als eine Figur mit begrenztem Handlungsspielraum.

Die rote Dreiecksform kehrt im Video Here and Now, and After? in humorvoll gebrochener Weise als rote, dreieckige Nase einer aufmüpfigen Puppe wieder. Als Puppenspiel für die Kamera verhandelt die Arbeit nationale Narrative – was sie auslassen und was verdrängen –und verbindet Konventionen des Kasperletheaters mit Elementen des Karagöz-Schattenspiels. Die Arbeit entfaltet sich entlang dreier Verträge: dem Faustschen Pakt mit dem Teufel, dem Vertrag zwischen Künstlerin und Staat sowie der Aushandlung erotischer Machtverhältnisse. In diesen Tauschverhältnissen sind Zustimmung und Verweigerung mit Bindung und Gegenleistung verknüpft und werfen Fragen nach künstlerischer Handlungsfähigkeit, institutionellen Bedingungen und Verantwortung auf. Erotisches Machtspiel erscheint bei Öztat als relationaler, konsensueller Erfahrungsraum, in dem Begehren und Kontrolle explizit verhandelbar werden. Während einige Figuren Verträge eingehen, verweigern andere den Gehorsam und fordern Gerechtigkeit zu ihren eigenen Bedingungen ein.

In Vorbei mit der Übeltäterei verwebt İz Öztat ihre Auseinandersetzung mit historischem Material und wiederkehrende Motive ihrer künstlerischen Praxis zu einer dichten Szenografie. Wie bereits in früheren Arbeiten, etwa in ihrer langjährigen Zusammenarbeit mit Zişan (1894–1970), die in Öztats Werk als Geist und Alter Ego erscheint, greift sie auf Archive und spekulative Erzählungen zurück, um jene historischen Bruchstellen freizulegen, die politische und gesellschaftliche Spannungen bis in die Gegenwart prägen. Indem sie Satire als künstlerisches Mittel einsetzt, schafft İz Öztat einen Raum, in dem widerständige Praktiken sichtbar und Fragen von Verantwortung und Gerechtigkeit neu verhandelt werden.

Text: Lotte Laub
Begleitend zur Ausstellung erscheint ein Katalog mit einem Essay von Banu Karaca.

İz Öztat (geboren 1981 in Istanbul, lebt und arbeitet in Berlin) studierte Bildende Kunst und Visuelle Kommunikationsgestaltung (MA) an der Sabancı University in Istanbul sowie Studio Art (BA, with Honors) am Oberlin College in Ohio. Sie war Stipendiatin des Berlin Artistic Research Programme (2024–25). Zu ihren institutionellen Ausstellungen zählen Near East, Far West, 6. Kyiv Biennial, MSN, Warschau (2025); these walls are not here to defend us, OFF-Biennale Budapest (2025); Self-Determination: A Global Perspective, Irish Museum of Modern Art, Dublin (2023), wo ihre Arbeit auch Teil der Sammlung ist; The Colony, Schwules Museum, Berlin (2018); die 13. Sharjah Biennale (2017); Land without Land, Heidelberger Kunstverein (2016); sowie die 14. Istanbul Biennale (2015). Öztat war Artist-in-Residence am Swiss Institute Saha Residency (2025), im Istanbul–Berlin Residency Program (2022) sowie im SAHA Studio in Istanbul (2021). Sie arbeitet an der Schnittstelle von Kunst, Forschung und Bildung in selbstorganisierten, institutionellen und akademischen Kontexten. Ihre wissenschaftlichen Texte, Essays und fiktionalen Arbeiten wurden in verschiedenen Medien veröffentlicht.


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