Recurrence 2



29/04/2021 - 21/08/2021


Zilberman | Berlin freut sich, die Ausstellung Recurrence 2 mit Arbeiten von Heba Y. AminAlpin Arda BağcıkIsaac Chong WaiPedro Gómez-EgañaZeynep KayanSandra del Pilar, Simon Wachsmuth und kuratiert von Lotte Laub anzukündigen. Während die erste Ausgabe der Reihe Recurrence auf die Wiederkehr einer Thematik aus dem 19. Jahrhundert, der Spannung zwischen Natur und Technik, blickte, so schaut Recurrence 2 nach Veränderungen in der Geschichtsbetrachtung, Umbrüchen und Übergängen. Es geht um Mehrdeutigkeit statt Binarität (ja oder nein, für oder gegen, richtig oder falsch), während wir stets dahin tendieren, die Wirklichkeit zu vereinfachen, damit wir sie einordnen und in den Griff bekommen können. Zugleich aber entstehen genau dort die Konflikte und Polarisierungen, die heute wieder das politische Weltklima aufheizen.

In George Orwells Roman 1984 (fertiggestellt 1948) arbeitet der Protagonist Winston Smith für das Wahrheitsministerium. Dort ist er dafür zuständig, die alten Zeitungsberichte der Times umzuschreiben und an die gegenwärtige Parteilinie anzupassen. Ihr Wahlspruch lautet: „Wer die Vergangenheit kontrolliert, kontrolliert die Zukunft“. Hier wird der manipulative Umgang mit Geschichtsschreibung deutlich.

Die zwei Gemälde When are we wrong? When are we right? von Isaac Chong Wai zeigen beide Fragen als farbige Schriftzüge auf komplementären monochromen Untergründen, mit Acryl per Hand, aber in serifenlosem Font, wie maschinell, aufgetragen. Adressiert werden wir Betrachter als gesellschaftliches Kollektiv. Thematisiert wird unsere Urteilskraft. Die binäre Opposition von wahr und unwahr oder richtig und falsch wird unterstützt durch die Komplementärfarben, die das Prinzip der Zweiwertigkeit optisch verdeutlichen. Gefragt wird nach den Bedingungen wahrer Urteile oder richtiger Entscheidungen. Hängt es von historischen Umständen ab, wie wir urteilen oder wie wir uns entscheiden? Kann etwas falsch sein, was früher richtig war und umgekehrt? Kann man rückwirkend beurteilen, ob eine Entscheidung richtig oder falsch war? Können frühere Urteils- oder Entscheidungskriterien aus dem Blick geraten? Hängt es von der zeitbedingten Auswahl der betrachteten Ereignisse und Verläufe ab, zu welchen Geschichtsbildern eine Gesellschaft kommt? Oder werden wir in unserer Wirklichkeitsauffassung unbemerkt manipuliert? Wie findet eine Geschichte zu ihrem Bild in der Presse und später in der Geschichtschreibung? Dies sind Fragestellungen, die sich leitmotivisch durch die Ausstellung ziehen.

Eine Papierrolle, ausgerollt auf einem langen Tisch, die Simon Wachsmuth mit einem breiten Kalligrafie-Filzstift reihenweise mit kleinen schwarzen Quadraten gefüllt hat, mag auf der einen Seite an Schriftrollen oder Rollbilder erinnern, auf der anderen Seite aber an Fließbandarbeit. Es geht um eine Balance zwischen Einzelwerk und autonomer Geste einerseits und Wiederholung, dem Prinzip des Seriellen andererseits, um Ökonomie und Effizienz. Wachsmuth hat den Titel seiner Arbeit, Of Copying, dem Buch On the Economy of Machinery and Manufactures entnommen, das der englische Mathematiker, Philosoph und Maschinenbauingenieur Charles Babbage 1832 veröffentlichte. Daneben werden drei fotografische Arbeiten von Wachsmuth gezeigt, die byzantinische figürliche Fresken mit ausgekratzten Gesichtern zeigen, Zeugnisse des Ikonoklasmus im 8. und 9. Jahrhundert Beide Arbeiten, Of Copying und In Dialogue Form, machen deutlich, wie durch eine einfache Geste ein maximaler Effekt erzeugt wird, Steigerung der Wirkung durch Wiederholung oder Auslöschung von Vorgefundenem, eine Binarität von Konstruktion und Destruktion, zwei Bewegungen von Geschichtsverläufen und entsprechend der Geschichtsschreibung.

Binarität von schwarz und weiss sowie Serialität kehren in der Arbeit Insulator III von Zeynep Kayan wieder. Es handelt sich um eine Reihe kleinformatiger Videostills, die eine schwarz gekleidete Person in gebückter Haltung zeigen. Den Hintergrund bilden zwei Reihen von je vier leicht gebogenen Pappen in unterschiedlichen Helligkeitsgraden. Von Bild zu Bild gibt es kleine Unterschiede sowohl in der Beugung der Vordergrundfigur wie auch bei einem Segment des Hintergrunds, bis im letzten, von der Reihe abgesetzten Bild die Figur verschwunden ist und gleichzeitig eine Öffnung im Hintergrund sichtbar wird. Dieses letzte Bild gibt der Serie ein Ziel, einen Ausweg, damit eine Geschichte. Vom Ende her erhält die Reihe eine neue Deutung.

Heba Y. Amins Non Architectural Renderings greifen urbane, auch industrielle Architekturen auf, die zu fast abstrakten Zeichnungen weiter reduziert werden. Ausgehend von Metropolen wie der Stadt Kairo mit ihren umgebenden Siedlungen schafft Amin den Eindruck menschenleerer Räume. Die stürzenden Linien und Flächen, Licht und Schatten im harten schwarz-weiss Kontrast, erinnern zugleich an Filmarchitekturen der 1920er Jahre. Sie geben nicht nur ein Setting vor, sondern gestalten durch die Wiederaufnahme von expressionistischen Stilmitteln traumartige Bilder, die aus der Vergangenheit gespeiste Zukunftsvisionen und ‑ängste auszumalen scheinen.

In ihren Interventionen greift Sandra del Pilar auf alte Radierungen und Holzschnitte (datiert 18.–20. Jahrhundert) zurück, die beim Betrachter aktuelle Eindrücke wachrufen. Indem die Künstlerin Elemente der Gegenwart in die historischen Darstellungen hinein zeichnet, bringt sie ungewohnte Aspekte in die Interpretation, gibt sie den Darstellungen eine Zukunft, die zur Entstehungszeit noch nicht absehbar war. So hat die Künstlerin in eine alte Radierung, die einen Festsaal im Kaiserpalast zu Straßburg zeigt, in die Mitte des Raums den Kopf der Statue Lenins eingezeichnet. Dieser Palast (heute Palais du Rhin) wurde für Kaiser Wilhelm I errichtet, um die Angliederung Elsass-Lothringens ins Deutsche Reich zu feiern, das im ersten Weltkrieg wieder verloren ging. Das 1968 in Ost-Berlin zur Feier des 51. Jahrestags der Oktoberrevolution und als Symbol für die deutsch-sowjetische Freundschaft errichtete Lenindenkmal wurde nach dem Untergang der DDR 1991 wieder abgerissen, wobei der Kopf bei Köpenick vergraben wurde, 2015 zu Ausstellungszwecken aber wieder ausgegraben und nach Spandau gebracht wurde. Wenn die Künstlerin diesen Leninkopf samt der Transportseile in den Festsaal hineinzeichnet, wird die Vergleichbarkeit der wechselnden historischen Bewertungen deutlich: vereinnahmte und wieder verlorene Gebiete (Elsaß-Lothringen für das Deutsche Reich, die DDR für die Sowjetunion), Verherrlichung und Ablehnung von Herrschern (die deutschen Kaiser Wilhelm I und II und Lenin als Begründer und Regierungschef der Sowjetunion). So rückt del Pilar die Konstruiertheit von Geschichtsschreibung und die Konditionierung von Sehgewohnheiten ins Bewusstsein.

Bei Alpin Arda Bağcık geht es um die Frage der Bildwerdung von Ereignissen und ihre nach Maßgabe ihrer Verbreitung im Raum sich verändernde Interpretation. In seinem Künstlerbuch Diazem verwendet er eine Abdrucktechnik, die das Ausgangsgemälde, ausgehend von einem ursprünglichen Pressebild, in einem Abklatschverfahren von Seite zu Seite undeutlicher wiedergibt. Je unvollständiger das Bild wird, desto mehr interpretieren wir hinein, wie sich bei Tintenkleckstests in der psychologischen Diagnostik oder bei Nachrichten, deren Lückenhaftigkeit mit Verschwörungstheorien überbrückt werden, zeigt.

Pedro Gómez-Egaña beschäftigt sich in drei Zeichnungen, die Teil einer größeren Arbeit sind, mit der Geschichte von Automaten. Einer der ersten Automaten, die Digesting Duck von Jacques de Vaucanson von 1739, ist eine Ente, die angeblich Nahrung verdauen konnte. Obwohl sich der Automat autonom bewegte, war die Verdauung ein Schwindel, aber die Leute liebten die Vorstellung von einer Maschine, die so lebensechte Eigenschaften haben konnte. Eine weitere Zeichnung zeigt einen Text, der einer Grindr-Konversation, einer Dating App, entnommen ist. Sie ist handgeschrieben im Stil eines Automaten, der die Fähigkeit hatte, Gedichte zu schreiben, aber die Linienführung nicht unterbrechen konnte. Es liegt eine Ironie darin, dass eine solche Intim-Konversation einem Automaten zugedacht wird. Die dritte Zeichnung: Bruder-Schwester spielt mit der Idee, Automaten Familienbande zuzuschreiben. Gómez-Egaña beschäftigt sich mit den Automaten, insofern sie biologische oder menschliche Vorgänge imitieren. Auf menschliche Verhaltensweisen, die durch Automaten imitiert werden können, fällt ein ironisches Licht, ebenso auf das Streben der Menschen, durch Automaten vertreten zu werden.

Wiederkehr von geschichtlichen Ereignissen und ihre Umdeutung, Wiederkehr in Form von Reihungen ähnlicher Motive, Wiederkehr von Stilelementen, um Zusammenhänge zu verdeutlichen oder maschinelle Imitation wiederkehrender Manifestationen des Lebens – das sind die Elemente der Ausstellung. Wann Gesellschaften richtig liegen, wann sie falsch liegen – diese Beurteilung überlassen wir dem Betrachter von Recurrence 2.

Text: Lotte Laub

Für weitere Informationen wenden Sie sich bitte an: berlin@zilbermangallery.com.


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Artist Pages
  - Heba Y. Amin
  - Alpin Arda Bağcık
  - Isaac Chong Wai
  - Pedro Gómez-Egaña
  - Zeynep Kayan
  - Sandra Del Pilar
  - Simon Wachsmuth

Ausstellungsarbeiten