Recurrence

26/06/2020 - 29/08/2020


Zilberman–Berlin freut sich, die Ausstellung Recurrence mit Arbeiten von Isaac Chong Wai, Elmas Deniz und Simon Wachsmuth anzukündigen, kuratiert von Lotte Laub. Sie alle haben einen Bezug zum 19. Jahrhundert, in dem Wissenschaft, Wirtschaft und Technik sich sprunghaft entwickelt haben, gleichzeitig aber die Romantik eine Gegenwelt zu Industrialisierung und technischem Fortschritt erfindet. Naturandacht, Sehnsucht, Liebe sind die Emotionen, von denen sich der Romantiker tragen lässt und somit für das Individuum einen tröstlichen Ort innerhalb einer sich rasant verändernden Welt schaffen will. Auch in der Gegenwart, die wieder eingreifende Veränderungen aufweist, wird intensiv auf das Verhältnis des Menschen zur Natur geblickt. Da jedoch die zeitgenössischen Voraussetzungen andere sind, geschieht auch die Befragung auf andere Art.

Simon Wachsmuths Arbeit level, schwarz und weiß lackierte Aluminiumstangen, bildet den Auftakt der Ausstellung. Die Stangen erinnern einerseits an reale Objekte wie Messlatten, Begrenzungsstäbe, Speere, vergrößerte Mikadostäbchen oder auch Wanderstöcke, anderseits beziehen sie sich auf die Sprache geometrischer Abstraktion. Bei einer Ausstellung im Kunstraum Dornbirn waren ähnliche Stäbe mit einem biedermeierlichen Landschaftsgemälde von Heinrich Reinhold verknüpft mit dem Titel: „Künstler durchqueren die österreichischen Alpen“. Der Künstler Reinhold malte sich selbst und andere Künstler mit langen Wanderstöcken auf der Suche nach Motiven für ihre realistische Landschaftsmalerei. Wachsmuth geht es darum zu zeigen, dass Wahrnehmen schon lange nicht mehr ein mimetisches Abbilden der Wirklichkeit ist, sondern eine subjektive Konstruktion aus Zeichen, die vielen Einflüssen unterliegt. Von Reinholds Bild, das nach Wachsmuths Interpretation auch die Tätigkeit des Malens reflektiert, bleibt nur noch das Mittel, mit dem sich jeder Wahrnehmende – Künstler oder Kunstrezipient – auf den Weg macht, der Wanderstab.

Wachsmuths Stäbe führen zu seinem Video 0,7 in schwarz-weiß, das eine Reihe von Fährüberfahrten über die Elbe bei unterschiedlichen Wetterlagen zeigt, zwischen Niedersachen und Mecklenburg-Vorpommern, ehemalig West und Ost, womit dem Video ein konkreter politischer Bezug zu entgegengesetzten politischen Systemen gegeben ist. Die Landschaft mutet romantisch an, aber entzaubert wird sie durch Schwarz- und Weißblenden, welche die Überfahrten voneinander trennen und dabei die dichotome Struktur betonen. So wird der Filmfluss rhythmisiert und der Blick vom Dargestellten auf das Medium der Darstellung umgelenkt – ein Verfremdungseffekt, der sich an das kritische Bewusstsein des Rezipienten wendet. Das Motiv der Überfahrt in seiner Wiederholung kann als Metapher für menschliches Tun gelesen werden. Der Tageslauf von morgens bis abends spielt sich mit kleinen Variationen immer gleich ab, mögen sich auch äußere Bedingungen – wie Wetter oder Jahreszeit – dabei ändern. Auf einer weiteren Ebene der Interpretation kann man sagen: das Vorstoßen zu anderen Ufern ist die Transferleistung, die für jeden Fortschritt nötig ist. Aber die Natur, z.B. der Wasserstand, an den der Titel 0,7 erinnert, kann die Bemühungen des Menschen zunichte machen.

Die blauen Bilder aus der Line Series von Isaac Chong Wai wirken auf den ersten Blick völlig abstrakt. Vor unterschiedlich himmelblauem, opak aufgetragenem Hintergrund erscheint – an Op-Art erinnernd – ein regelmäßiges Muster aus rhombisch sich kreuzenden Linien in den Farbtönen dunkelblau bis hellblau, wobei die Verteilung der Farben variiert. Manche Linien werden ganz ausgelassen, wodurch die Struktur unvollständig bleibt. Kaum wird man erkennen, dass diese Muster Freihandzeichnungen sind. Inspiriert sind sie aber durch eine gegenständliche Wahrnehmung anlässlich von Recherchen in einem ehemaligen Gefängnis in Weimar. Dort hatte Chong aus einem Zaun eine Bootskulptur geschaffen. Seine Liniengemälde greifen nun formal dieselbe Gitterstruktur auf und damit thematisch die Dichotomie von Freiheit und Begrenzung. Als Rezipient wird man so genau wie ein Gefangener die Gitter nach Fehlstellen durchsuchen. In Italo Calvinos Erzählung Ti con zero wird eine Methode entworfen, wie eine Fluchtmöglichkeit zu finden ist. Der Held der Erzählung vergleicht den Ort seiner Gefangenschaft im Geiste mit einem perfekten Gefängnis. Der Ausweg fände sich an der Stelle der Nicht-Übereinstimmung der Grundrisse. Übertragen auf die Gitternetzlinien könnte man sagen: die Unregelmäßigkeiten oder Auslassungen bieten die Chance zur Befreiung ins Blaue der Zukunft.

Die Videos der Künstlerin Elmas Deniz inszenieren Natureindrücke, teils mit Originalton unterlegt, und kontrastieren mit Texten, die eingeblendet werden und besitzergreifende Einstellungen gegenüber der Natur verdeutlichen. Im Gegensatz zu Naturfilmen, die – zur Zeit besonders häufig – gezeigt werden, sind die Mittel sehr sparsam eingesetzt: die Farbigkeit ist zurückhaltend, es gibt wenig Bewegung, auch wenig Schnitte. Oft sind die Landschaften in den Videos von Elmas Deniz menschenleer. Nur im Video I want to Buy a Tree ist eine Person – es ist die Künstlerin selbst – zu sehen. Die reduzierte Handlung besteht aus dem Besichtigen, Befühlen, Taxieren eines 600 Jahre alten Baums, wie es der Besichtigung einer Immobilie entsprechen würde. Die Gedanken der Kaufinteressentin erscheinen als Subtext. Hier wird das Besitzstreben ironisiert, ad absurdum geführt. Das Missverhältnis in den Ausmaßen zwischen dem riesigen Baum und dem kleinen Menschen fällt ins Auge. Das Zählen der Geldscheine, die immer wieder aus der Tasche fallen und am Ende wie eine Opfergabe um den erhabenen Baum herum liegen, betont die Lachhaftigkeit des Ansinnens.

Ganz ohne Mensch verfährt Deniz’ Video Human-less. Die Kamera wird von einer Drohne über einem Tal im Kaukasus aufwärts getragen und dann im Schwenk wieder hinab zum Ausgangspunkt. Das Tal mit ebenem, steppenartig bewachsenem Talboden, durch den sich ein Gebirgsbach schlängelt, erstreckt sich zwischen steilen Felswänden, sodass es im tiefen Schatten liegt, dessen Begrenzungslinie an der gegenüber liegenden Talflanke entlangläuft. Hinter dem Talschluss wird ein nachmittäglich besonnter höherer Berg sichtbar. Die Kamerafahrt bewegt sich also Richtung Quelle des Wassers und des Lichts, dreht aber um, ehe sie den Punkt erreicht, und kehrt zum Ausgangspunkt zurück, was ein Gefühl von Frustration erzeugt. Ehe das Video endet, werden die Standbilder der Sequenz noch einmal memoriert, bis das Ausgangsbild die vergangene Zeit sichtbar macht: das Tal liegt noch tiefer im Schatten. Der jetzt eingeblendete (einzige) Text: der Mensch ist kein Vogel („You are not a bird“) weist auf das Bestreben des Menschen hin, das, was ihm an natürlicher Ausstattung fehlt, durch Technik zu ersetzen, z.B. das Drohnenauge an seiner Stelle beobachten zu lassen. Die dem Video unterlegte Orchestermusik, die sich in Harmonien aufschwingt und in Dissonanzen wieder absenkt – verstärkt den emotionalen Eindruck, dass der Mensch der Erhabenheit der Natur immer wieder nicht gewachsen ist.

Wachsmuths Gruppe von Kleinskulpturen Of Copying, in Bronze gegossene Tomatenrispen, werden begleitet von zwei Textausschnitten des englischen Mathematikers Charles Babbage (1792–1871). Der erste Text ist eine Anleitung zur Herstellung von Bronzeabgüssen von Pflanzen, der zweite enthält eine Beschreibung der Funktionsweise einer mechanischen Vorform des heutigen Computers. Beide sind in dem Buch On the Economy of Machinery and Manufacturers von 1832 enthalten. Babbage war ein Pionier auf dem Gebiet der Computerentwicklung und Theoretiker der Arbeitsteilung, der auch Marx beeinflusst hat. Das Buch markiert den Übergang des materiell arbeitenden Menschen hin zu immaterieller Arbeit und mathematischen Modellen der Natur bis zur Güterproduktion durch technische Hilfsmittel. Entsprechend einem Bericht von Babbage von der großen Weltausstellung 1851, wie man auch filigrane Pflanzen in Bronze gießen kann, verfährt Wachsmuth mit Tomatenrispen. Nicht das Fruchtgemüse, sondern nur die Rispe, die zum eigentlichen Züchtungserfolg der Rispentomate geführt hat, wird in Bronze gegossen. Rispentomaten kamen erst spät im 20. Jahrhundert in Europa auf den Markt und waren teurer als normale Tomaten, d.h. die Rispe brachte den Wertzuwachs, der durch den Bronzeguss versinnbildlicht wird. Jede Tomatenrispe ist gleichförmig, in fast regelmäßigen Abständen finden sich die Fruchtstiele mit der gleichen Anzahl von Kelchblättern, aber trotzdem sind sie nie exakt gleich. Auch in der Natur herrscht das Prinzip des Seriellen, der Wiederholung mit kleinen Variationen.

Die ausgestellten Werke balancieren zwischen historischer Recherche und dem Versuch, eine Erzählweise zwischen Narration und Abstraktion zu finden. Die Wiederkehr des Gleichen mit geringen Variationen, Reihungen von ähnlichen Gegenständen, musterartige Systeme von Elementen sind Merkmale der Bilder und Objekte, aber auch der Videos, in denen die Reduktion des Bildinhalts und die rhythmische Wiederkehr ähnlicher Sequenzen auffällt. Eine zurückhaltende Farbgebung bis zum harten Schwarz-Weiß, lange Einstellungen, Stille und Langsamkeit filmischer Bewegungen verleihen der Ausstellung einen kontemplativen Charakter. Den Betrachter*innen werden Zeit und Raum gegeben, dem Prinzip von Ähnlichkeit und Differenz in den Dingen und in den historischen Entwicklungen nachzugehen. In aufgeregten Zeiten kann die Konzentration auf Beständiges und Wiederkehrendes einen unerwarteten Bezugspunkt bieten und so zum Verständnis zukünftiger Paradigmen beitragen.

Für weitere Informationen wenden Sie sich bitte an berlin@zilbermangallery.com.


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  - Isaac Chong Wai
  - Elmas Deniz
  - Simon Wachsmuth

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